Erfahrung zur erfolgreichen Anwendung von NIV

Erfahrung ist ein bedeutender Faktor für eine erfolgreiche NIV. Studien legen nahe, dass der Einsatz von NIV zunimmt, sobald das Klinikteam vertrauter mit der Anwendung wird.¹

 

Experte werden braucht Zeit. Nachstehend finden Sie hilfreiche Informationen, die zu einer erfolgreichen Anwendung von NIV führen.

Leitlinien für die Patientenauswahl und die Einleitung einer nichtinvasiven Beatmung

  1. Wählen Sie einen geeigneten Patienten aus. Patienten mit chronisch obstruktiver Lungenerkrankung oder akutem kardiogenem Lungenödem werden mit der höchsten Wahrscheinlichkeit von der Behandlung profitieren. Nichtinvasive Beatmung (NIV) sollte nicht bei Patienten angewendet werden, die eine dringende Intubation (Atemstillstand, stark vermindertes Bewusstsein) sowie einen Endotrachealtubus zum Schutz der Atemwege benötigen oder bei Patienten, die keine NIV erhalten möchten. 

  2. Wählen Sie ein Beatmungsgerät aus, das den Anforderungen des Patienten entspricht. In der Regel werden Bi-Level-Beatmungsgeräte verwendet, es können jedoch alle Beatmungsgeräte verwendet werden. Am häufigsten wird die druckunterstützte Beatmung angewendet.

  3. Wählen Sie den richtigen Patientenanschluss aus. Bei akuter respiratorischer Insuffizienz wird im Allgemeinen eine Oronasalmaske verwendet. Vermeiden Sie eine zu große Maske. Wenn der Patient eine Oronasalmaske nicht toleriert, versuchen Sie es mit einer Nasalmaske, einem Nasenpolster oder einer Gesichtsmaske.

  4. Erklären Sie dem Patienten die NIV. Es kann für einen Patienten mit akuter respiratorischer Insuffizienz extrem beängstigend sein, eine Maske auf das Gesicht gesetzt zu bekommen. Erklären Sie die Ziele und Alternativen von NIV. Für weiterhin ängstliche Patienten kann eine geringe Dosis eines Anxiolytikums hilfreich sein.

  5.  Schalten Sie Alarme stumm und beginnen Sie mit niedrigen Einstellungen, selbst wenn diese subtherapeutisch sind. Auf diese Weise kann sich der Patient an die Maske und den Druck gewöhnen.

  6. Leiten Sie die NIV ein und halten Sie die Maske fest; legen Sie noch keine Gurte an. Auf diese Weise kann sich der Patient an die Maske gewöhnen, ohne Angst zu bekommen, wie dies bei angelegten Gurten passieren könnte.

  7. Sichern Sie die Maske aber vermeiden Sie einen zu engen Sitz. Ein häufiger Fehler ist eine zu fest angezogene Maske. Kleine Undichtigkeiten sind akzeptabel und ein Bi-Level-Beatmungsgerät kann diese ausgleichen. Wenn die Maske zu fest angezogen wird, nehmen die Patiententoleranz ab und das Risiko einer Gesichtshautdegradation zu. Unter den Gurten sollten ein oder zwei Finger Platz haben.

  8. Titrieren Sie die Druckunterstützung entsprechend dem Patientenkomfort. Mit einem Bi-Level-Beatmungsgerät bestimmt der Unterschied zwischen dem inspiratorischen Druck und dem exspiratorisch positiven Druck den Umfang der Druckunterstützung. Erhöhen Sie den inspiratorischen Druck schrittweise und beobachten Sie dabei den Einsatz der Atemhilfsmuskulatur und die Atemfrequenz. Fragen Sie den Patienten, ob das Atmen leichter fällt. Anfangs kann die Einstellung für den inspiratorischen Druck ein Kompromiss zwischen dem therapeutischen Ziel und der Toleranz des Patienten sein.

  9. Titrieren Sie die inspiratorische Sauerstoffkonzentration bis auf eine Oxyhämoglobinsättigung (SpO2) von 90%.

  10. Vermeiden Sie einen inspiratorischen Druck von 20 cmH2O, da dieser den Patientenkomfort verringert und das Risiko einer Magenblähung erhöht.

  11. Titrieren Sie den exspiratorischen Druck per Triggeranstrengung und die SpO2-Sättigung. Bei Patienten mit chronisch obstruktiver Lungenerkrankung kann der exspiratorische Druck (bis 10 cmH2O) den intrinsischen positiven endexspiratorischen Beatmungsdruck ausgleichen und die Fähigkeit des Patienten zum Triggern des Beatmungsgeräts verbessern. Bei Patienten mit akutem kardiogenen Lungenödem führt der exspiratorische Druck (bis 10 cmH2O) zu einem höheren intrathorakalen Druck, einer geringeren Nach- und Vorlast und einer Verbesserung der SpO2-Sättigung. Beachten Sie, dass eine Erhöhung des exspiratorischen Drucks eine äquivalente Erhöhung des inspiratorischen Drucks erfordert, um die gleiche Druckunterstützung aufrechtzuerhalten.

  12. Coachen und Beruhigen Sie den Patienten weiter. Nehmen Sie Anpassungen entsprechend der Patientenbequemlichkeit und dem Therapieziel vor. Es ist akzeptabel, die NIV zu unterbrechen, wenn der Patient beim Entfernen der Maske nicht akut dekompensiert.

  13. Bewerten Sie den NIV-Erfolg. Wenn 1–2 h nach der Einleitung von NIV Verbesserungsanzeichen ausbleiben, erwägen Sie alternative Therapien (z.B. Intubation).

Kontraindikationen für nichtinvasive Beatmung

Absolute Kontraindikationen²

 

  • Herz- oder Atemstillstand
  • Nicht-respiratorisches Organversagen (z.B. gastrointestinale Blutung, hämodynamische Instabilität...)
  • Obstruktion der oberen Atemwege
  • Notwendiger Schutz der Atemwege
  • Instabilität beim Sekretauswurf
  • Gesichtschirurgie oder -trauma

Relative Kontraindikationen

 

  • Koma und schwere sensorische Beeinträchtigung³
  • Erregung oder Diaphorese
  • Schwere Hypoxie (z.B. PaO2/FiO2 < 100)
  • Stark eingeschränkte Spontanatmung

Video: Dr. Nava über einige Erfolgsfaktoren der nichtinvasiven Ventilation. (ENG)

immuno-compromised-patients

Verwandte Artikel

copd

NIV bei der Behandlung von Exazerbationen der chronisch obstruktiven Lungenerkrankung

 

Patienten mit Exazerbationen ihrer COPD stellen die wichtigste Patientengruppe dar, für die sich NIV als vorteilhaft erwiesen hat. Invasive Beatmung mit ihrem Risiko einer ventilator-assoziierten Pneumonie führt bei Patienten mit Exazerbationen ihrer COPD zu einer hohen Mortalität. Es liegen mehrere randomisierte kontrollierte Studien vor, die belegen, dass nichtinvasive Beatmung die Mortalität senkt, Patientenbeschwerden lindert und im Vergleich zur Standardtherapie den Krankenhausaufenthalt bei COPD-Exazerbationen verkürzt.

 

Weiterlesen

extubation

NIV während des Postextubationszeitraums


NIV wird nach der Extubation eingesetzt, um die Dauer der invasiven Beatmung zu verkürzen und Extubationsversagen zu verhindern. NIV kann auch nach der invasiven mechanischen Beatmung während des Zeitraums nach der Extubation eine Rolle spielen. Die Hauptgründe für den Einsatz von NIV nach der Extubation sind die Verringerung der Dauer der invasiven Beatmung und die Verhinderung von Extubationsversagen. NIV kann jedoch ebenfalls...


Weiterlesen

pulmonary-edema

NIV bei der Behandlung von Lungenödem

 

Es liegen deutliche Belege dafür vor, dass NIV bei Patienten mit Lungenödem infolge einer Herzinsuffizienz die Intubationsrate und die Mortalität senkt. Patienten mit akuter respiratorischer Insuffizienz aufgrund von dekompensierter Rechtsherzinsuffizienz bilden die zweite Patientengruppe, für die deutliche Belege vorliegen, die die Anwendung der nichtinvasiven Beatmung stützen. Es liegen mehrere randomisierte kontrollierte Studien vor, die belegen, dass NIV...

 

Weiterlesen

Sources

 

1: Hess D. How to Initiate a Noninvasive Ventilation Program: Bringing the Evidence to the Bedside. Respiratory Care (2009), Vol 54 No 2, p. 232-245

 

2: Hess D. How to Initiate a Noninvasive Ventilation Program: Bringing the Evidence to the Bedside. Respiratory Care (2009), Vol 54, No 2, p. 237

 

3: Evans TW. International Consensus Conferences in Intensive Care Medicine: Non-invasive positive pressure ventilation in acute respiratory failure. Intensive Care med (2001):27: p. 166-178

 

4: Scala, R., Naldi, M., Nava, S. Non-invasive positive pressure ventilation in COPD patients with acute hypercapnic respiratory failure and altered level of consciousness. Chest (2005): p. 128: 1657-1666

 

5: Constantin, JM., Schneider, E., Cayot-Constantin, S., et al. Remifentanil-based sedation to treat non-invasive ventilation as a first-line intervention for acute respiratory distress syndrome. Crit Care Med (2007): 35: p. 18-25

 

6: Antonelli, M., Conti, G., Esquinas, A., et al. A multiple-center survey on the use in clinical practice of noninvasive ventilation as a first-line intervention for acute respiratory distress syndrome. Crit Care Med (2007): 35: p. 18-25

thin-stripe-line-mk4

thinkNIV

Trotz der vielen, wissenschaftlich validierten Vorteile, wie der Linderung von Beschwerden für den Patienten, der Verringerung der Mortalität und der Vermeidung von Kosten, wird nichtinvasive Beatmung (Noninvasive Ventilation, NIV) in vielen Krankenhäusern noch zu selten eingesetzt. Diese Website soll den Einsatz von NIV fördern, indem über die zahlreichen Situationen berichtet wird, in denen NIV zu einem besseren Behandlungsausgang führt. Gleichzeitig soll über die Faktoren informiert werden, die für eine erfolgreiche NIV ausschlaggebend sind.
Copyright 2015. Alle Rechte vorbehalten